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5 min readChapter 1Europe

Vor der Welt

Am Anfang war Veles, eine urtümliche Gottheit, die die Tiefen des Chaos und die Geheimnisse der Leere verkörperte. Vor der Schöpfung des Kosmos lag alles Dasein in den dunklen Wassern des Unendlichen verborgen. Es war ein Reich ohne Licht, in dem die Formlosigkeit herrschte und die Zeit selbst nur ein Flüstern im Abgrund war. Veles, oft mit der Erde und der Unterwelt assoziiert, wirbelte in diesem urtümlichen Chaos, seine Essenz vermischte sich mit den primordialen Wassern, einer kraftvollen Mischung aus Potenzialität und Dunkelheit. Dieser Zustand der Nichtexistenz war nicht bloß Abwesenheit; er war ein fruchtbarer Boden für die Schöpfung, wo die Samen des Universums auf das Erwachen warteten.

Die mythologische Erzählung offenbart, dass aus den Tiefen dieses Chaos das Kosmische Ei emporstieg, ein heiliges Gefäß unermesslicher Macht. In diesem Ei lag das Universum in einem schlafenden Zustand, wartend auf den göttlichen Funken, der seine Schöpfung entfachen würde. Das Ei repräsentierte die Einheit aller Dinge und fasste die Essenz von Leben, Tod und Wiedergeburt zusammen. Es diente als Mikrokosmos des Daseins selbst und symbolisierte das Potenzial für Transformation, das in allen Wesen innewohnt. Veles, in seiner Rolle als Wächter der Leere, hielt dieses Ei in seinen Armen und nährte die schlummernden Energien darin, um die Bühne für die Entfaltung des Kosmos vorzubereiten.

In einigen Traditionen wird gesagt, dass das Kosmische Ei nicht allein war. Andere urtümliche Wesen, wie die Große Schlange, wanden sich um es und verkörperten die zyklische Natur des Daseins. Die Schlange, ein Symbol für Weisheit und Erneuerung, verflocht sich mit dem Ei und stellte das Zusammenspiel von Schöpfung und Zerstörung dar. Gemeinsam bildeten sie ein kosmisches Gleichgewicht, eine harmonische Spannung, die bald die Welt darüber hervorrufen würde. Diese Bildsprache spiegelt einen grundlegenden Glauben in vielen antiken Kulturen wider: dass Schöpfung kein linearer Prozess, sondern ein zyklischer ist, in dem Enden lediglich neue Anfangszeichen sind.

Während die Wasser brodelten und das Kosmische Ei vor Energie pulsierte, ereignete sich ein Moment tiefgreifender Transformation. Das urtümliche Chaos begann sich zu rühren, und aus den Tiefen hallte eine Stimme wider – ein göttlicher Befehl, der durch die Leere widerhallte. Diese Stimme gehörte Rod, einer mächtigen Gottheit, die Ordnung und Schöpfung repräsentierte. Rod, der das Prinzip des kosmischen Gesetzes verkörperte, trat aus den Schatten des Chaos hervor, bereit, die Welt zu formen. Mit einem einzigen Wort rief er das Licht hervor und zerschlug die Dunkelheit, die das Ei umhüllte.

Das Auftreten des Lichts markierte einen entscheidenden Moment im Mythos und symbolisierte den Triumph der Ordnung über das Chaos. Dieser Akt der Schöpfung etablierte die drei Reiche, die die slawische Kosmologie definieren würden: die obere Welt der Götter, die mittlere Welt der Menschen und die Unterwelt der Toten. Jedes Reich würde eine entscheidende Rolle in der fortlaufenden Erzählung des Daseins spielen und ein dynamisches Zusammenspiel zwischen dem Göttlichen und dem Sterblichen schaffen. Die Trennung der Reiche spiegelt auch ein kulturelles Verständnis des Universums als strukturiertes Wesen wider, in dem jedes Element seinen Platz und Zweck hat.

Während Rod weiterhin die Welt formte, begann die heilige Eiche, bekannt als der Weltenbaum, Wurzeln zu schlagen. Dieser mächtige Baum würde als Achse mundi dienen, die drei Reiche miteinander verbindet und als Brücke zwischen den Himmeln, der Erde und der Unterwelt fungiert. Seine Äste strebten zum Himmel, während seine Wurzeln tief in die primordialen Wasser eindrangen und die Verbundenheit aller Wesen verkörperten. Der Weltenbaum würde zu einem zentralen Symbol des Lebens, des Wachstums und der zyklischen Natur des Daseins im slawischen Glauben werden. In verschiedenen Traditionen wird der Weltenbaum als Quelle des Nahrens und der Weisheit angesehen, die sowohl den Göttern als auch den Menschen Nahrung bietet.

So war die Bühne für die Geburt der Götter und die Entfaltung der Schöpfung bereitet. Das urtümliche Chaos, einst ein formloser Abgrund, hatte sich in einen lebendigen Kosmos verwandelt, der mit Potenzial und Zweck erfüllt war. Während der Weltenbaum wuchs, markierte er den Beginn einer neuen Ära, in der göttliche Wesen auftauchen würden, um die Reiche zu bewohnen, die sie erschaffen hatten. Die Erzählung des Daseins war nun in Bewegung, was zum nächsten Akt der Schöpfung führte, in dem die Götter ihren Platz im Gewebe des Kosmos einnehmen würden.

In einigen Versionen des Mythos ist der Weltenbaum nicht bloß ein passives Wesen, sondern ein aktiver Teilnehmer an der Entfaltung der Schöpfung. Es wird gesagt, dass seine Wurzeln in die Unterwelt eindringen und die Energien der Toten heranziehen, während seine Äste in die Himmel reichen und die Segnungen der Götter sammeln. Diese Dualität betont den Glauben, dass Leben und Tod miteinander verwoben sind, wobei jeder für die Existenz des anderen unerlässlich ist. Andere Traditionen beschreiben den Weltenbaum als einen Ort der Konvergenz, an dem die Geister der Vorfahren wohnen und den Lebenden Führung bieten.

Die strukturelle Analyse dieses Mythos offenbart ein breiteres Muster, das in vielen mythologischen Systemen zu finden ist: das Entstehen von Ordnung aus Chaos. Dieses Thema ist in verschiedenen Kulturen verbreitet, in denen der Akt der Schöpfung oft eine Gottheit oder Kraft umfasst, die Struktur in ein chaotisches Nichts bringt. Das Kosmische Ei und der Weltenbaum dienen als archetypische Symbole innerhalb dieses Rahmens und repräsentieren das Potenzial für Wachstum und die Verbundenheit allen Lebens.

Während sich die Geschichte der Schöpfung entfaltet, spiegelt sie das Verständnis der antiken Gläubigen von ihrem Platz im Kosmos wider. Der Mythos von Veles, dem Kosmischen Ei und dem Weltenbaum fasst eine Weltanschauung zusammen, in der Chaos und Ordnung koexistieren, in der das Göttliche und das Sterbliche untrennbar durch die Zyklen des Lebens verbunden sind. Die Erzählung dient als Erinnerung an das empfindliche Zusammenspiel zwischen Schöpfung und Zerstörung und drängt die Menschheit, das Gleichgewicht zu achten, das das Dasein erhält.